Unter dem Begriff „Auge- und Ohr-Rechtsprechung“ wird ein aus der Rechtsprechung abgeleiteter Grundsatz verstanden, der den Versicherungsunternehmen eine gegenüber § 70 VVG erweiterte Haftung für Beratungsfehler in der Antragsaufnahme durch den Versicherungsvertreter zuweist. Nach § 70 VVG braucht eine Versicherung nicht gegen sich gelten zu lassen, dass ein Versicherungsnehmer für die Antragsbeurteilung und die Antragsannahme wesentliche Tatbestände (z. B. Gefahrerhöhungen, Vorerkrankungen u.ä.) zwar nicht im Antrag vermerkt, aber dem Vermittlungsvertreter im Gespräch mitgeteilt hat. Der alte Grundsatz, dass ein Versicherungsnehmer selber für die Richtigkeit seines Antrages selbst dann verantwortlich ist, wenn der Antrag vom Versicherungsvertreter nach Anweisung ausgefüllt wurde, ist verbraucherorientiert in den vergangenen Jahren gewandelt worden.
Kannte ein Vermittlungsvertreter für die Beurteilung wesentliche Tatbestände oder musste er sie kennen, hat die Versicherung die durch die Nichtweitergabe entstandene falsche Entscheidung mitsamt ihren Konsequenzen aufgrund der Haftung für Fehlverhalten ihres Erfüllungsgehilfen (§ 278 BGB) gegen sich gelten zu lassen. Sie kann allenfalls im Innenverhältnis zum Vermittlungsvertreter unter Umständen Regressansprüche (Regressverzicht) stellen.

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